r-PET für Getränkeflaschen: Ziemlich beste Transparenz – EU-Recycling

2022-09-24 16:44:58 By : Mr. zhi chuang yu

Am 3. Mai 2021 erschien in der Süddeutschen Zeitung ein Artikel mit dem reißerischen Titel „Betrug mit Plastikflaschen“. Darin ist von Verbrauchertäuschung, falschen Angaben zu Recyclingmaterial und Fake-Importen aus Asien die Rede. Die Belege dafür bleibt der Autor weitgehend schuldig.

Laut Deutscher Umwelthilfe werden in Deutschland stündlich rund zwei Millionen Einweg-Plastikflaschen verbraucht und summieren sich auf jährlich rund 17,4 Milliarden Einheiten. Auf dieses Material wartet – sofern nicht gesondert geregelt – verpflichtend ein Recycling. Der resultierende Sekundärrohstoff wird aber nur zu rund einem Drittel bei der Produktion neuer Getränkeflaschen eingesetzt. Die zur Herstellung der übrigen Flaschen notwendigen Mengen an Polyethylenterephthalat (PET) stammen aus anderen Quellen. Damit sind Herkunft und Umfang der hinzugekauften Stoffe ungewiss. Das wiederum bietet die theoretische Möglichkeit, ein Produkt als Recyclingware anzubieten, das weniger oder kein Recyclingmaterial enthält. Der Autor des SZ-Artikels wittert hier potenzielle Betrugsabsichten.

162.200 Tonnen r-PET für Getränkeflaschen recycelt Bedauerlich ist, dass im Artikel keine Experten aus dem Recycling-Bereich zu Wort kommen, um wenigstens das statistisch nachweisbare PET-Flaschen-Recyclingmaterial zu dokumentieren. Aus Recycler-Perspektive setzten sich 2019 die 467.400 Tonnen an verbrauchten PET-Getränkeflaschen aus 44.200 Tonnen Einwegbehältern ohne Pfand, 406.100 Tonnen bepfandeten Einwegflaschen und 17.100 Tonnen Mehrweggebinden zusammen. Davon verschwanden 9.400 Tonnen im Restmüll, landeten 48.200 Tonnen bei den dualen Systemen, gingen 390.600 Tonnen an ein Pfandsystem oder an Petcore, benutzten Mehrweg-Abfüller 16.900 Tonnen und kamen 2.300 Tonnen bei sonstigen Sammlungen zusammen. Somit konnten in diesem Jahr 458.000 Tonnen und damit 98 Prozent der benutzten PET-Flaschen von der Wertstoffsammlung erfasst werden.

Davon müssen Sortierverluste (9.400 t), Aufbereitungsverluste (10.100 t), nicht verwertete Mengen (800 t) sowie energetisch genutztes Material (36.800 t) abgezogen werden. Als inländischer Recycling-Ausstoß bleiben 429.800 Tonnen, von denen 56.800 Tonnen einer nicht näher definierten Verwendung zugeführt werden. Die übrige Menge wird zu Fasern (87.700 t), Folien (123.100 t) und Bottle-to-Bottle (162.200 t) verarbeitet. Nach Darstellung der Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung wären damit 93 bis 97 Prozent aller PET-Getränkeflaschen aufgrund ihrer technischen Eigenschaften grundsätzlich für ein Bottle-to-Bottle Recycling geeignet, sodass theoretisch 435.000 bis 450.000 Tonnen für das Bottle-to-Bottle Recycling zur Verfügung stehen könnten.

Fast zwei Drittel Neuware Tatsächlich verwendete die Industrie unter dem Strich von 429.800 Tonnen verfügbarer und lebensmitteltauglicher PET-Flaschen 2019 in der Praxis nur 162.200 Tonnen, also rund 38 Prozent zur Herstellung neuer Behältnisse. Die Mehrzahl der Flaschen aus PET wird nach Darstellung des NABU vielmehr aus Erdöl oder Erdgas gewonnen. Eine Studie der Kunststoffindustrie belegt, dass 70 Prozent der Einweg-Plastikflaschen in Deutschland aus Neumaterial hergestellt werden, wofür jährlich etwa 438.000 Tonnen Rohöl und Erdgaskondensate benötigt werden. Nach einmaliger Nutzung werden die Behältnisse zerstört und dann dem Recycling zugeführt.

Zumindest galt dies zwischen Mai 2019 und November 2020. Zu diesem Zeitpunkt herrschte ein deutlicher Überschuss an Neuware, die wesentlich billiger auf den Markt kam und PET-Rezyklate verdrängte. Deswegen setzten Kunststoffverarbeiter und wohl auch einige Kunststoffrecycler fast nur Neuware ein. Somit könne nach Ansicht des NABU bei zwei Dritteln des Materials keine Rede von einer „Kreislauf-Flasche“ sein. Allerdings ist diese Korrelation von Neuware und Rezyklaten noch deutlich besser als jene bei der Verarbeitung von Kunststoffen: Das „Stoffstrombild Kunststoffe in Deutschland 2019“ zeigt ein Verhältnis von rund 89 zu elf Prozent.

Recyclinganteil schwer feststellbar Nicht zuletzt aufgrund wechselnder Angebote ist dem im SZ-Artikel zitierten Equipolymers-Direktor Antonello Ciotti zuzustimmen, dass der Nachweis, ob die Flaschen aus recyceltem PET hergestellt sind, unmöglich angetreten werden kann. Oder dass es zumindest sehr schwierig ist, den Rezyklatanteil einer Verpackung „mit den heutigen Methoden der Analytik“ zu ermitteln, wie es Mara Hancker ausdrückte, die Geschäftsführerin der Industrievereinigung Kunststoffverpackungen.

Ohnehin bestehen nach Expertenmeinung fast alle PET-Produkte aus Mischungen mit Rezyklaten in Form von Mahlgut oder Regranulat oder mit Neuware. Daher lässt sich folgerichtig auch nicht ermitteln, ob der Lieferant der Neuware recyceltes oder neu aus Rohöl produziertes Plastik verkauft hat, ob der PET-Recycler/-Verarbeiter gezielt oder ungewollt den Rezyklatanteil höher als tatsächlich angibt, oder ob das Unternehmen, das seine Ware aufgrund eines Recyclingbonus` anpreist, bewusst oder in Unkenntnis der adäquaten Bezeichnung Greenwashing betrieb.

Kein r-PET aus Asien Für Ciottis Behauptung, dass „billigere Importware aus Asien massenhaft in den europäischen Markt gedrückt wird“, finden sich jedenfalls weder Beleg noch Zahlen. Der bvse-Kunststoffexperte Dr. Thomas Probst zeigt sich daher überrascht, dass größere Mengen an r-PET aus Asien nach Europa gelangt sein sollen, bestand und besteht doch in Asien enormer Hunger nach PET-Getränkeflaschen aus der EU, aus USA und aus eigenen Aufkommen. Es sei unsinnig, PET-Flaschen in Europa zu sammeln, nach Asien zu exportieren und dann als r-PET aus Asien nach Europa wieder zurückzuholen. Zudem stellt Asien unter anderem Textilien aus PET-Fasern selbst her und vermarktet sie weltweit.

Abfälle der Einträge B3011 Freilich hat China die Möglichkeit, billiges Plastik auf den europäischen Markt zu bringen: Im Februar 2017 beendete die Europäische Union langjährige Maßnahmen, mit denen Dumpingpreise für chinesische PET-Produkte verhindert werden sollten; die Auflagen wurden erst auf Betreiben des Kommittees der PET-Hersteller in Europe (CPME) gelockert. Und nach dem jetzigen, neuen Stand der Dinge bei der grenzüberschreitenden Verbringung von Kunststoffabfällen dürfen ab Januar dieses Jahres grün gelistete, ungefährliche Kunststoffabfälle der Einträge B3011 und Gemische B3011 – darunter PE, PP, PS, ABS wie auch PET –, sofern sie zum umweltgerechten Recycling bestimmt und nahezu frei von Verunreinigungen und anderen Arten von Abfällen sind, aus Nicht-OECD-Drittstaaten eingeführt werden. Es gelten dafür nur die allgemeinen Informationspflichten gemäß Artikel 18 EG-VBVO. Eine vorherige Notifizierung und Zustimmung wäre nicht erforderlich.

Noch steht aber die Frage im Raum, wann Kunststoffabfälle im Sinne des Eintrages EU3011 „nahezu frei von Verunreinigungen und anderen Arten von Abfällen“ gelten. Internationale und nationale Spezifikationen sollen als Anhaltspunkt dienen, um künftig konkretisierende Leitlinien zu erarbeiten. Im Übrigen obliegt die Auslegung der Regelung den Behörden in den Mitgliedstaaten. Allerdings ist China zurzeit – nicht nur aufgrund mangelnder Container-Kapazitäten – nicht in der Lage, PET für Lebensmittel-Zwecke zu liefern.

Nicht für Lebensmittel-Kontakte Eine wissenschaftliche Arbeit über „Chinas Importe von Abfall-PET-Flaschen und ihre Vorteile für die globale Plastik-Zirkularität und Umwelt-Leistung“ aus dem November 2020 macht deutlich, dass das chinesische PET-Flaschen-Recycling im vorwiegend offenen Kreislauf stattfindet und ausgemusterte PET-Flaschen hauptsächlich zur Herstellung recycelter Faser-Produkte dienen und dann zu Kleidern verarbeitet werden.

Wie Chinas Nationaler Ressourcen Recycling-Verband 2019 meldete, wenden nur fünf Prozent der chinesischen Recyclingtechnologie die Technik des Bottle-to-Bottle-Recyclings an. Diese BTB-Recyclingflaschen werden zur Produktion von PET-Flaschen der Güteklasse „Kein-Lebensmittel-Kontakt“ (beispielsweise für Pestizide) verwendet: Die gegenwärtige BTB-Recyclingtechnik in China sei relativ rückständig und könne die Sicherheit der Recyclingprodukte hinsichtlich Konsumenten-Gesundheit nicht garantieren. „Somit verbietet Chinas gegenwärtige Strategie die Benutzung von recyceltem Kunststoff bei der Verpackung mit Lebensmittel-Kontakten“, bilanziert das Papier.

Negative Öko-Bilanz Um noch einmal auf den im SZ-Artikel vielzitierten Antonello Ciotti zurückzukommen: Er, der sich über falsch deklarierte, billigere Importware aus Asien Gedanken macht, ist auch Vorsitzender des Europäischen Verbands der PET-Hersteller (CPME) – und damit jenes Verbandes, auf dessen Initiative hin die Anti-Dumping-Auflagen der EU für chinesische PET-Produkte kürzlich gelockert wurden. Im Übrigen fungiert er als Direktor des PET-Herstellers Equipolymers mit Sitz in Horgen/Schweiz.

EQP ist allerdings nicht, wie der SZ-Artikel behauptet, Teil des Verpackungsherstellers Dow Chemical Group, sondern laut Webseite ein hundertprozentiges Tochterunternehmen der Equate Petrochemical Company und damit der Equate Group, einem globalen Produzenten von Petrochemikalien und insbesondere Ethylenglykol. Konsequenterweise produziert Equipolymers mit „Viridis 25“ ein lebensmittelechtes Polyethylenterephthalat mit bis zu 25 Prozent chemisch recyceltem PET. (Eine Randbemerkung: Chemisches Recycling wird im selben SZ-Artikel von Reinhard Schneider, dem Inhaber von Werner & Mertz, Hersteller der mehrfach ausgezeichneten Öko-Marke Frosch, als „eine Unterart der Verbrennung mit vielen toxischen Nebenprodukten, die sehr viel Energie verbraucht und unterm Strich eine negative Ökobilanz aufweist“, diskreditiert.)

Durchschnittlich 30 Prozent Rezyklat Somit bringt EQP ein Produkt auf den Markt, das mit 75 Prozent eingesetzter Neuware – aus welchen Quellen auch immer – einen geringeren Rezyklatanteil ausweist als die ansonsten in Deutschland produzierten PET-Flaschen. Denn laut Pressemitteilung des PET Forum vom November 2020 besteht jede PET-Flasche in Deutschland durchschnittlich zu knapp 30 Prozent aus recyceltem Material; 2017 waren es noch 26 Prozent. Damit erfüllt die deutsche PET-Branche bereits jetzt die für 2030 geplanten Vorschriften der EU-Kommission an den Rezyklateinsatz in PET-Getränkeflaschen. Diese Aussage konterkariert auch – zumindest für Deutschland – die Aussage des SZ-Artikels, der 2025 von der EU Europa-weit geforderte Rezyklat-Anteil von 25 Prozent in PET-Flaschen würde den Druck auf die PET-Hersteller erhöhen.

Verknappungen und Forces Majeures Freilich könnten sich Änderungen ergeben, wenn die seit Dezember 2020 beobachteten, weltweiten Verknappungen von Kunststoffen und die Meldungen von Forces Majeures weiterhin zunehmen. Laut aktuellen Zahlen einer Blitzumfrage der Industrievereinigung Kunststoffverpackungen rechnen 84 Prozent der befragten Hersteller von Kunststoffverpackungen mit einer schlechten bis sehr schlechten Versorgungslage, acht von zehn Produzenten drosseln bereit die Produktion, und die Hälfte erwartet demnächst Lieferausfälle. Der Preis für LDPE ist um 50 Prozent gestiegen, während PP, HDPE, PE, PS, PVC und EPS Preisaufschläge zwischen jeweils 41 bis 48 Prozent verzeichnen. PET-Rezyklate finden wieder sehr guten Absatz zu hohen Preisen, zumal die Neuware jetzt wieder deutlich teurer ist als Rezyklate. Welche Folgen das für die Branche hat, ist freilich noch nicht abzusehen.

Lückenlose Gesetze? Was ist zu tun? Der SZ-Artikel empfiehlt, mit Rückgriff auf nicht näher benannte „Fachleute“, die Einführung „verbindlicher Siegel und lückenloser Gesetze“. Doch weder ist der Ruf nach mehr Staat originell noch angesichts der Vielfalt der zu recycelnden Kunststoffe praktikabel: Schon der Hickhack um die international regelkonforme Ein- und Ausfuhr von unter anderem Kunststoffen durch Verbringungsverordnung und Notifizierungsverfahren zeigt, wie schwierig die Kontrolle dieses Materials zu bewerkstelligen ist. Und um es deutlich zu sagen: Es sind jedenfalls nicht die Recycler von Kunststoffen, die die Abfälle produzieren. Sie versuchen lediglich, die Überreste anderer in sinnvolle Produkte umzuwandeln, und dies verständlicherweise unter ökonomisch machbaren Rahmenbedingungen.

(Erschienen im EU-Recycling Magazin 06/2021, Seite: 12, Foto: Ali / stock.adobe.com)